Eröffnungsrede von Dr. Lisa Ortner-Kreil in der Galerie Amart 2025
schöne bilder
Zu Erzsebet Nagy Saars Ausstellung Gravity in der Galerie Amart
Erzsebet Nagy Saar, geboren 1974 in Ungarn, lebt und arbeitet in Wien und seit kurzem auch in Alland/Niederösterreich. Sie präsentiert in der Galerie Amart unter dem Titel Gravity superrezente Arbeiten, die in den letzten Monaten in Alland entstanden sind. Wir sind hier in Wien, der Stadt der St. Stephan-Gruppe, der Stadt der Neuen Wilden, der Stadt von Max Weiler, von Martha Jungwirth, einer Stadt, in der seit vielen Jahrzehnten abstrakte Malerei entsteht, in der wir aber immer noch, so kommt mir jedenfalls vor, besonders viel Erklärungsbedarf haben, wenn wir über Kunst sprechen, die sich nicht der Mimesis verschrieben hat. Was kann abstrakte Malerei sein? Der amerikanische Abstrakte Expressionismus, der formal von großen Unterschieden geprägt ist, hat viele Antworten darauf gegeben. Clement Greenberg, der wahrscheinlich wichtigste Kunstkritiker des 20. Jahrhunderts, hat die abstrakte Malerei immer wieder als eine Reise der Kunst zu sich selbst beschrieben. In der Tat wird es immer da schwierig, wo Sprache und abstrakte Malerei aneinander geraten. Wie soll man über etwas sprechen, über etwas schreiben, was „offen“ ist, sich nicht konkretisiert? Wie kann man diese Inhalte in das Korsett der Sprache zwängen?
Der große Dichter Ernst Jandl, 1925 in Wien geboren und 2000 ebenda verstorben, hat zu diesem Thema ein Gedicht mit dem Titel „das schöne bild“ verfasst:
das schöne bild
spar aus dem schönen bild den menschen aus
damit die tränen du, die jeder mensch verlangt
aussparen kannst; spar jede spur von menschen aus:
kein weg erinnere an festen gang, kein feld an brot
kein wald an haus und schrank, kein stein an wand
kein quell an trank, kein teich kein see kein meer
an schwimmer, boote, ruder, segel, seefahrt
kein fels an kletternde, kein wölkchen
an gegen wetter kämpfende, kein himmelsstück
an aufblick, flugzeug, raumschiff – nichts
erinnere an etwas; außer weiß an weiß
schwarz an schwarz, rot an rot, gerade an gerade
rund an rund;
so wird meine seele gesund.
Jandl liefert mit diesem 1969 im Gedichtband „Laut und Luise“ publizierten Gedicht über das titelgebende schöne Bild eine Hymne an die abstrakte Kunst, der er Gesundung zuspricht in dem Moment, in dem sie sich von ihrer Jahrtausende alten Tradition, figurativ abzubilden, abwendet und sich selbst genügt. Der Offenheit, die abstrakte Kunst birgt, die ihren Inhalt ausschließlich aus Form, Oberfläche und Farbe generiert, huldigt Jandl geradezu. „nichts erinnere an etwas“ so Jandls Plädoyer für ein neues Zeichensystem – nichts anderes ist die abstrakte Malerei.
Seit 2018 malt Erzsebet Nagy Saar ausschließlich abstrakt. Als ich mich vor einigen Wochen zu einem Atelierbesuch nach Alland aufmache, gibt mein Navi auf, es lenkt mich kilometerlang über einen Forstweg vorbei an Pferdekoppeln, Wald, die Straße ist eine einzige Schmutzschleuder voller Schlaglöcher. Erst auf Nachfrage wird mir bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg sei, zuversichtlich spule ich die letzten Kilometer ab, auch besser so, denn mittlerweile hat auch das Handy keinen Empfang mehr. Benedikt und Erzsebet begrüßen mich vor einem wunderschönen riesigen alten, aber neu renovierten Haus mit angeschlossenem Ateliergebäude. Bevor wir ins Atelier gehen, setzen wir uns in den großzügigen Wohnraum und trinken eine Tasse Genmaicha Tee.
„Hier ist ein ganz anderes Gefühl, hier ist so viel Raum“, sagt die Künstlerin, die mir mit leuchtenden Augen und offenem wallenden Haar gegenübersitzt. Während des Gesprächs schaue ich immer wieder aus dem Fenster, betrachte fasziniert diesen Ort der Stille. Ihre Sicht auf die Kunst und das Leben habe sich, so erzählt mir die Künstlerin, nach vielen Jahren in Wien nun durch den Umzug aufs Land sehr verändert, sie fokussiere nicht mehr so sehr die Details sondern habe eher das große Ganze im Blick. Die Bäume, die uns hier umgeben, sind 35 Meter hoch, es ist die totale Abgeschiedenheit in der gelebt und gearbeitet wird. Ort und Gefühl der neuen Bleibe, so scheint es, fließen direkt auf die Leinwand. Gravity also, der Name von Erzsebets Solo-Show: „Gravity, das heißt doch Schwerkraft?“ frage ich. „Schwerkraft, Leichtkraft, Kraftquelle...“ philosophiert die Künstlerin. Vielleicht kann man dieses Gravity besser mit Anziehung, mit Zentrum übersetzen, einer natürlichen Kraft, einem Magnetismus, der sich in Energie auf der Leinwand entlädt. „Meine Leinwände liegen fast immer am Boden, wenn ich arbeite“ und „mit wollen kommt man nicht weiter, es zu wollen, wäre falsch“, erzählt mir Erzsebet weiter. So verwundert es nicht, dass ihre Herangehensweise stets spontan ist, es entstehen davor keine Skizzen, nichts ist geplant, die Leinwand wird direkt bearbeitet, teilweise auch mit beiden Händen. „Die Abgeschiedenheit und die Stille sind mir hier wichtig für die neuen Arbeiten, außerdem sind der Prozess und der Moment der Hingabe zentral und nicht nur das Ergebnis“, gibt die Künstlerin weiter zu Protokoll.
Man schenkt mir eine zweite Tasse Tee ein, passend dazu erzählt mir Erzsebet von ihren vielen Reisen und Auslandsaufenthalten, in Kanada, England, Spanien, in Bhutan, Laos und vor allem der thailändischen Hauptstadt Bangkok hat sie viel Zeit verbracht, fast vier Jahre, kehrt aber immer wieder nach Wien zurück. International geprägt und sehr sensibel, so erscheint mir die Künstlerin und ich frage mich, ob ich das später auch über ihre Malerei werde sagen können. Auf meine Nachfrage erzählt sie kurz noch über ihren biografischen Weg, der nicht unbedingt geradlinig, eher sehr individuell verlaufen sei, sie erwähnt privaten Malunterricht im Atelier von Ernst Fuchs und ein erstes Atelier in Eichgraben, später dann in Wien in der Frankenberggasse. 2018, so erzählt Erzsebet, habe sie die figurative Malerei komplett aufgegeben und widme sich seither nur noch dem Abstrakten. „Bei mir befindet sich alles permanent im Wandel“, sagt sie. Obwohl ich der Künstlerin und ihrem hinreißenden ungarischen Akzent stundenlang zuhören könnte, rutsche ich mittlerweile unruhig herum und verkneife mir die nächste Frage. Mittlerweile bin ich so neugierig geworden, dass ich tatsächlich nicht mehr weiterfragen mag. „Gehen wir ins Atelier?“
Wir gehen. Im wunderschönen und großzügigen Ateliergebäude neben dem Hauptgebäude riecht es nach Farbe, vorbei am Tisch, an dem die Farbtuben und Tools von Erzsebet liegen, erblicke ich zum ersten Mal die großformatigen, farbgewaltigen Malereien. Oft treten die Leinwände auch zu zweit oder zu dritt auf – „ich habe da noch etwas über und mache einfach weiter“, sagt die Künstlerin zu diesen Mini-Serien. Leinwände in unterschiedlichen Formaten, an der Wand gelehnt, am Boden liegend, im Regal aufgehängt. Die großen Dachfenster lassen das Tageslicht unmittelbar in das sehr aufgeräumte Atelier fallen, eine Fülle von Arbeiten umfängt uns. Oft müsse sie ihre Leinwände mehrmals überarbeiten, um zufrieden zu sein, sagt Erzsebet, ein Phänomen von dem viele Maler:innen, die abstrakt arbeiten, berichten.
Ins Auge stechen mir gleich zwei sehr große Querformate. In grün und blau bzw. in gelb, orange und hellen Grüntönen gearbeitet, türmt sich die Farbe hier kaskadenartig auf, bedeckt die Leinwand in einem All-Over, zentral arbeitet die Künstlerin dann auf beiden Leinwänden mit Tusche, die sich spontan ausbreitet und einmal wie schwarzer Lack wirkt, ein anderes Mal wie tropfende blaue Rinnsale, Spuren des malerischen Prozesses freilegen. Jede neue Leinwand, die wir gemeinsam anschauen, eröffnet einen neuen Kosmos. Manche sind flach und farbenprächtig in gelb und rot auf monochromen Hintergrund gesetzt, andere treten in Gruppen auf, sind von wilden Schwüngen und blau-weiß oder Hieben und Splitter-Formen dominiert. Jede Arbeit scheint ein neues Fenster zu einer Welt zu eröffnen, ringt um Ausdruck. Hauchig und zart, fast nebulös, dann wieder ganz flach, ein anderes Mal sehr kontrastreich und fast pastos aufgesetzt, die Wege des Ausdrucks sind überaus vielfältig. Eine mittelformatige Serie hat es mir besonders angetan, für die Erzsebet keinen Pinsel verwendet hat, sondern reine „Schüttbilder“ erzeugt hat, die sich wirbelartig hin zu einem offenen Zentrum zu bewegen scheinen. Erzsebet Nagy Saars abstrakte Malerei stellt keinerlei Bezug zur Gegenständlichkeit her, sondern transportiert Emotion und Geste direkt auf den malerischen Träger. Vor meinem inneren Auge sehe ich der Künstlerin dabei zu, wie sie den richtigen Moment erwischt, immer wieder aufs Neue den Dialog mit der Leinwand sucht und findet. Sie reiht sich ein in eine lange Tradition abstrakter Malerei, und findet doch einen ganz individuellen Ausdruck dafür.
Und wenn Ernst Jandl auf das Grundgebet anspielt, das in der katholischen Kirche vor dem Kommunionsempfang gesprochen wird („Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“), so schenkt uns Erszebet Nagy Saar mit Gravity in der Galerie Amart tatsächlich eine Gesundung, eine Auszeit, einen Freiraum, den wir individuell füllen können, der unsere Wahrnehmung stärken kann. Passenderweise bietet die Galerie Amart dafür einen Raum, der tatsächlich früher auch als Kirchenraum angelegt war und gedient hat. Pilgern wir also zu den „schönen bildern“ von Erszebet Nagy Saar – so hätte es wohl auch Ernst Jandl gemeint und gemacht.
Lisa Ortner-Kreil